TEKTONIK DER FARBE

Galerie Alte Schule, Ahrenshoop

20. August 2016 - 24. September 2016
Foto: Robert Dämmig

Robert Dämmig Ahrenshoop Rede zur Vernissage

 

Mit Christoph Bouet haben wir einen Künstler vor uns, der sich in einer Lebensphase höchster Intensität befindet. Einige Jahre der künstlerischen Suche liegen nun bereits hinter ihm, Vorbilder sind abgearbeitet.

Zu einem eigenständigem künstlerischen Statement gehören ja nicht nur die technischen handwerklichen Voraussetzungen, sondern auch der Mut und die Vision eigene Wege zu gehen. Dabei hilft ihm ohne Frage auch immer der kunstgeschichtliche Blick zurück. So sind die Künstler des Impressionismus für ihn ein Quell ständiger Inspiration. Bouet orientiert sich nicht an dem, was in der Kunst und dessen Markt gerade en vogue ist. Er schmiedet keine strategischen Netzwerke. Er folgt sich selbst.

Begegnet man zum aller ersten Mal Arbeiten Bouets, hat man das Empfinden einer auratischen Verletzung.

Will sagen, jemand wildfremdes, dem man noch nie begegnet ist, der aber unsere Aufmerksamkeit erregt hat – möglicherweise ist er viel größer, jünger, schneller – oder umgekehrt – legt spontan seinen Arm um unsere Schulter, oder stellt einen spontanen Körperkontakt her, der uns entwaffnet, kurzzeitig ratlos macht und konsterniert zurück lässt. Der unvermittelt in unsere Aura, die wir tagtäglich vor uns hertragen, eindringt und die vertraute Ordnung durcheinander bringt. In der Folge setzt eine kurze Verblüffung, eine Art Blockade ein.

So fühlt sich vielleicht der Erstkontakt mit den Arbeiten Christoph Bouets an. Man fühlt sich beunruhigt. Will schnell weiter. Hat sein, hat ein Urteil gefällt. Kurze Zeit später will man sich die Malerei dann doch noch einmal ansehen, nimmt sich mehr Zeit, versucht etwas zu erkennen, erkennt etwas, dann wieder nicht, geht wieder weiter. Und, man glaubt es nicht, kommt noch einmal zurück. Plötzlich fühlt man etwas, das will man verstehen, versteht aber nicht wirklich etwas. Beginnt sich in den plastischen Höhen und Tiefen, die sich auf der Leinwand gebärden, zu bewegen. Spürt den Bewegungen der Farbe, den Bewegungen des Malers nach. Tritt zwei Schritte zurück, zwei nach vorn, schaut von der Seite. Legt seinen Kopf nach Rechts, nach Links – kommt aber mit dieser ratlosen Geste auch nicht recht voran. Und verliert sich am Ende in der Tektonik einer farbig organischen Masse.

Bouet ist in seiner Malerei hoch konzentriert. Der Grad seiner Abstraktion ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen, was seine Malerei freier sein lässt. Und ihm den Freiraum in der Arbeit verschafft, den er braucht, um nicht in einer stereotypen Verbindung von Sujet und Technik stecken zu bleiben. Und:

Bouet ist ein Zweifler, ist ein permanenter Hinterfrager seiner eigenen Kunst.

Bouets Arbeitsweise ist vor allem intuitiv und mindestens eins – faszinierend:

Ein Beispiel.

So sieht man ihn, bei bestem Wetter am Strand malend, von mehreren Dutzend Badegästen, Neugierigen und Fans umstellt, Kommentare gehen hin und her, Hobbymaler geben unschlagbare Tipps, wie und wo welche Farbe aufzutragen sei, ein Kind steht direkt neben Bouet, den Mund vor Staunen weit offen und das Eis in dessen Hand schmilzt rasend in der Sonne.

Am Ende, nach einigen Stunden, stapft der Maler mit einer verbrannten Glatze – ich brauch keine Haare mehr – und einer schweren Leinwand durch den Sand vom Strand und hält ein Abbild in den Händen, dessen Gegenstück in der realen Wirklichkeit keiner der Umstehenden gesehen hat. Nur der Künstler selbst vermag diesen magischen und immer flüchtigen Moment auf der Leinwand zu kristallisieren.

Diese Unbeirrbarkeit in der Arbeit vor einem nicht zu verhindernden

Robert Dämmig Ahrenshoop im August 2016, Rede zur Vernissage am 20.8.2016

Publikum lässt auf eine große Sicherheit, Gewissheit, Souveränität schließen.

Der Maler weiß, was er will, in diesem Moment.

Nach der Arbeit aber, kommt der Zweifel, kommt die schonungslose Selbstkritik, die Vieles Gelungen-Geglaubte, doch wieder vernichtet.

Das ist sicher der Preis für den hohen Grad an Intuität,

der Preis für diesen eruptiv gelebten Prozess der Schöpfung.

Übrig bleibt das für den Künstler Gültige. Ganz gleich, ob wir ihm dabei folgen, oder nicht.

Für Bouet ist die Landschaft malerisches wie seelisches Thema.

Sei es die Landschaft in seiner unmittelbaren Wohnumgebung, der er immer wieder erstaunliche Facetten abgewinnen kann, sei es die Ostseeküste in Ahrenshoop oder Wustrow, sei es die französische Atlantikküste.

Landschaftsmalerei im 21.Jahrhundert.

Dieses Thema ist in dieser Galerie schon einige Male verhandelt worden.

Befinden wir uns hier doch in einer ehemaligen Künstlerkolonie, deren Anfangs – und Endpunkt die Landschaft sein muss.

Man kann sich die Frage stellen, was will Landschaftsmalerei in unserer heutigen Zeit?

Ist das überhaupt noch zeitgemäß, die Darstellung von Landschaft?

Und wenn ja, in welcher Form?

Von den europäischen Kunstakademien des 19.Jahrhunderts, über die Impressionisten und Expressionisten und all deren Misch-und Übergangsstadien bis zur Sicht der Moderne auf die Natur und den Menschen, könnte man glauben, dass jede Ecke bereits dreimal ausgeleuchtet wurde.

Wenn das reicht!

Was bedeutet denn Landschaft für uns?

Und muss der Begriff „Natur“ davon unterschieden werden?

Ja, das muss er!

Gerade bei den Arbeiten Bouets wird das überdeutlich.

Die Natur als wildes, ungezähmtes, ursprüngliches Phänomen kommt bei ihm nicht vor.

Es sind die Landschaften, die vom Menschen gestalteten, beeinflussten, organisierten und bis in den letzten Winkel vermessenen Landschaften.

Strandszenen, Hafenszenen, Parksituationen, Alleen, Obstplantagen.

Bouet braucht die zivilisatorische Reflexion auf die Gestaltungspotenz des Menschen, auf den vom Menschen gestalteten Raum.

Er stellt uns nicht in die Illusion einer unberührten Natur.

Die es in Europa ohnehin so gut wie nicht mehr gibt.

Versucht man in seinen Bildern ein Statement, eine Kritik, einen Aufruf, eine Warnung zu lesen, läuft man ins Leere.

Dies wird man in seiner Kunst vergeblich suchen.

Keine ökologisch-umweltschützenden Plattitüden oder

systemisch-kritische Einlassungen zur schonungslosen Zerstörungswut eines ausschließlich an der Ökonomie ausgerichteten Tourismus.

Der Gedanke wäre jetzt aber nicht zu Ende gedacht, würde man Bouet das Etikett der reinen Kontemplation oder des landschaftsmalerischen Hedonismus verpassen.

Denn – Bouet erreicht uns als wirklicher Künstler, eben nicht über das Plakative, sondern über das Intuitiv Subtile, einen instinktiven Intellektualismus.

So sind seine Arbeiten in einer Expressivität,

in einer expressiven Kraft gemalt,

ist sein ausschnitthafter Blick auf eine teilweise von Menschen überfrequentierte Landschaft, so individuell

und – und das ist etwas Entscheidendes – ist sein Blick auf die Landschaft so vollkommen philantrop, so vollkommen menschenfreundlich und lebensbejahend;

ist sein Umgang mit der Farbe und deren Materalität so sinnlich und körperlich – das wir, die Betrachter, diesem Substrat an eruptiver Empfindung erliegen, erliegen müssen, und uns mitgenommen fühlen, mit seinem künstlerischen Statement, nämlich einer unumschränkten Bejahung unseres jetzigen, momentanen Lebens und unserer festen Verankerung in dieser Welt.

Und wenn Kunst das kann, dann kann man nur sagen „Es lebe die Kunst“.

Ich bin jetzt fast am Ende angelangt, möchte aber noch kurz einen mittlerweile nicht unbedeutenden Aspekt des Künstlers Bouet wenigstens ansprechen. Seit geraumer Zeit äußert sich der Maler Bouet auch als Musiker.

Was ihm dabei nicht gelingt, ist diese andere Leidenschaft im Verborgenen, im sogenannten – welch ein Hasswort – Hobby – zu leben. Ganz im Gegenteil!

Geschieht seine alltägliche musikalische Praxis ausschließlich in seinem Heimstudio – wo er jedes Instrument selber spielt und aufnimmt und wo er auch seine stimmliche Sonorität zelebriert, so ist sein musikalischer Output bereits schon gut in der Welt verteilt. Bis jetzt gibt es von ihm zwei LP´s – Bouet veröffentlicht ausschließlich auf Vinyl – und hat schon eine ganze Reihe euphorischer Besprechungen in einschlägigen Musikzeitschriften.

Er hat in der Szene bereits einen so guten Ruf, das selbst der Fotograf Jim Rakete schon um einen Fototermin gebeten hat.

Woran jetzt noch gearbeitet wird, ist seine Liveperformance.

Und wer weiß, vielleicht sehen wir Christoph Bouet in der nächsten Zeit auch on Stage und dann bitte in Ahrenshoop.

Robert Dämmig Ahrenshoop im August 2016, Rede zur Vernissage am 20.8.2016

Foto: Robert Dämmig